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4 – Weshalb die Zeit drängt2020-04-09T13:21:22+02:00

Weshalb die Zeit drängt

Ein Zeitfenster für das Gehirn

Die Entwicklung des Gehörs hängt eng mit der Entwicklung der Hörbahn und des Hörzentrums zusammen, das heißt mit den Strukturen des Gehirns, die die elektrischen Impulse des Innenohrs weiterverarbeiten bis zum bewussten Wahrnehmen eines Geräusches oder Klangs.

Bekommt die Hörbahn in den ersten Lebensmonaten und -jahren zu wenige Impulse, wird das Hörzentrum im Gehirn zurück entwickelt!

Entscheidend sind dabei die ersten beiden Lebensjahre. Wird ein Kind, das von einer Hörbeeinträchtigung betroffen ist, in diesen Lebensjahren gut mit Hörhilfen versorgt, kann sich das Gehirn normal entwickeln.

Zeit spielt daher bei der Versorgung eines Kindes eine entscheidende Rolle!

Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass bei auffälligem Verhalten eines Kindes, also beispielsweise bei verzögerten Reaktionen auf akustische Reize, rasch gehandelt wird. Von größter Bedeutung ist dieses Faktum unter anderem für den Erwerb von Sprache und für die geistige Entwicklung.

In Deutschland ist aus diesem Grund ein Hörscreening (Otoakustische Untersuchung) verpflichtend bis zum 6. Lebensmonat vorgeschrieben. In Österreich dagegen wird es nur empfohlen und hat keine Auswirkung auf den Erhalt des Kindergeldes.

Ein Zeitfenster für das Erlernen von Sprachlauten

Babys benutzen beim Lallen alle Laute, die es auf der Welt gibt. Das bedeutet, sie könnten jetzt noch jede Sprache akzentfrei lernen – selbst die Klicklaute des Bantu. Denn Neugeborene können alle diese Laute gleich gut verarbeiten. In Versuchsreihen (Kuhl PK et al 2003: Foreign-language experience in infancy) wurde amerikanischen Babys zwischen 9 und 12 Monaten dreimal pro Woche für etwa 20 Minuten auf Chinesisch vorgelesen. Der Effekt war verblüffend. Die Kinder konnten diese Laute ebenso gut unterscheiden, wie die ihrer Muttersprache.

Je besser Kinder aber ihre Muttersprache beherrschen, desto seltener gebrauchen sie die Laute, die darin nicht vorkommen. Zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat lernen Babys die Laute, die es in ihrer Muttersprache gibt, zu unterscheiden. Im gleichen Zeitraum vergessen sie alle anderen Laute wahrnehmen zu können. Das heißt, Babys speichern nur die Laute ab, die in den Sprachen vorkommen, in denen mit ihnen gesprochen wird. Ab dem fünften Lebensjahr wird es für deutschsprachige Kinder bereits schwieriger, beispielsweise Chinesisch zu lernen. Daher spricht man ab diesem Zeitpunkt von Zweitspracherwerb, wenn eine neue Sprache dazukommt.

Ein Zeitfenster für den Erwerb eines musikalischen Gehörs

Die Zeit spielt auch bei der Entwicklung eines musikalischen oder absoluten Gehörs eine entscheidende Rolle. Kinder, denen intensive musikalische Hörreize angeboten werden, entwickeln dadurch besondere Fähigkeiten. Geschieht das bis zum 6. Lebensjahr nicht, sind diese Fähigkeiten auch durch intensives Training kaum erlernbar.

Die Sprachentwicklung

Sprache ist ein symbolisches Kommunikationssystem und repräsentiert die Wirklichkeit. Dadurch entsteht die Möglichkeit, auch außerhalb des Hier und Jetzt über die Welt zu sprechen. Somit ist sie wesentlicher Bestandteil der kognitiven Entwicklung. Denn ohne Sprache kann die Welt nicht erklärt werden. Die Wurzeln der Sprachentwicklung liegen im Erwerb gewisser Vorläuferfertigkeiten, welche sich insbesondere im ersten Lebensjahr entwickeln.

1. Lebensjahr: Entwicklung der Vorläuferfertigkeiten von Sprache

Lösen der Zweieinheit

Wesentlicher erster Schritt auf dem Weg zur Entdeckung der Sprache ist das Lösen der Zweieinheit von Mutter und Kind. Mutter und Kind leben in den ersten drei Monaten nach der Geburt in einer symbiotischen Zweieinheit. Im Alter von ca. drei Monaten beginnen Mütter ihren Kindern eine gewisse kurze Zeitspanne der Trennung (einige Minuten) zuzumuten, in der die Babys sich angesichts der Abwesenheit der Mutter einem Objekt, meist einem Spielzeug, zuwenden. Dieses Objekt ist der erste Gesprächsinhalt, wesentlich für jede Form der Kommunikation. Denn wir unterhalten uns immer ÜBER etwas. Mütter überbrücken diese kurze Trennung zumeist mit Singen oder Zureden, sodass ihre Kinder sie dennoch hören können und wissen, dass sie nicht allein sind. Bei unerkannt hörgeschädigten Kindern fruchtet diese Form der Distanzüberbrückung bzw. Beruhigung nicht. Dies kann zu Frustration auf beiden Seiten führen.

Entwicklung des triangulären Blickkontakts

Größter Meilenstein und Basis jeglicher Kommunikation und Sprache ist die daraus resultierende Entwicklung des triangulären Blickkontakts. Das Kind entdeckt, dass auch sein Gegenüber zu gewissen Ereignissen eine Meinung/einen Kommentar hat. Um dies zu erkennen, muss das Kind seinen Blick vom betreffenden Gegenstand zum Gegenüber wenden. Klassisches Beispiel: Das Kind wirft den Löffel auf den Boden und lacht. Es lässt den Blick vom Löffel zur Mutter schweifen und beobachtet, was die Mutter dazu sagt. Diese lacht ebenfalls und hebt den Löffel wieder auf. Dieses Spiel wiederholt sich immer und immer wieder. Kindern gelingt der trianguläre Blickkontakt in etwa mit neun Monaten.

Entwicklung der Objektpermanenz

Etwa um das erste Lebensjahr beginnen Kinder eine Objektpermanenz zu entwickeln. Das bedeutet, sie erkennen, dass Dinge/Menschen auch existieren, wenn sie diese nicht sehen können. Unterstützt wird diese Entwicklung durch die ständig voranschreitende motorische Entwicklung. Kinder können Nähe und Distanz nun selbst immer besser regulieren und ihre Welt vergrößert sich. Typisches Beispiel: Das Kind krabbelt aus dem Zimmer, in dem die Mama ist, und schaut immer wieder um die Ecke, ob sie wohl noch da ist. Die Entwicklung der Objektpermanenz ist wesentlich für die Sprache. Nur wenn Kinder erkennen, dass die Welt auch außerhalb ihres Blickfeldes existiert, können sie auch ÜBER sie sprechen.

Etwa im 1. Lebensjahr: Entdecken von Sprache

Zeitgleich, in etwa um das erste Jahr, entdecken Kinder die aktive Sprache. Sie sprechen die ersten Wörter. Diese sind zu anfangs noch schwer verständlich, die Artikulation verbessert sich allerdings zunehmend. Ab diesem Zeitpunkt schreitet die Entwicklung rasant voran. Der Wortschatz wird stetig größer und umfasst um das zweite Lebensjahr ca. 50 Worte. Das Anschauen von Büchern rückt in den Vordergrund und wird nun immer zeitintensiver möglich.

Für Eltern besonders bemerkenswert in dieser Zeit ist die Beobachtung, dass das passive Sprachverstehen ihrer Kinder weit ausgeprägter ist, als die aktive Sprache. Dieses Phänomen zieht sich durch den gesamten Verlauf der Sprachentwicklung durch. Sprache wird zuerst passiv und dann aktiv erworben.

Etwa im 2. Lebensjahr: Grammatik nimmt Gestalt an

Um das zweite Lebensjahr nimmt nun auch die Grammatik Gestalt an. Erste einfache Zweiwortsätze (Papa baba) gelingen. Zu Beginn wird das Verb/Zeitwort immer in der Nennform an das Ende des Satzes gestellt. Die Verb-Zweitstellung entwickelt sich um das dritte Lebensjahr. Wesentlicher Meilenstein im Grammatikerwerb ist die Entwicklung des ICH-Begriffs, der zeitgleich um das dritte Lebensjahr stattfindet.

Folgende Lebensjahre: Sprache wird komplex

In den folgenden Jahren vervollständigen Kinder ihre sprachlichen Fertigkeiten. Die Aussprache wird deutlicher, die Grammatik komplexer, der Wortschatz größer. Um das vierte Lebensjahr sind die wesentlichen grammatikalischen Strukturen erworben und auch die einzelnen Laute werden richtig artikuliert. Kinder mit einer nicht diagnostizierten oder nicht adäquat versorgten Hörbeeinträchtigung haben häufig Schwierigkeiten bei der korrekten Lautproduktion und auch in der Anwendung der Grammatik, da wesentliche bedeutungstragende Elemente, wie der Artikel oder Vor- und Endsilben, unbetont gesprochen werden und damit leicht überhört werden können. Eine unvollständig erworbene Grammatik führt auch immer zu Einschränkungen im Sprachverstehen.

Parallel zur Sprachentwicklung: die Spielentwicklung

Parallel zu der hier zusammengefassten Sprachentwicklung verläuft die Spielentwicklung. Zu Beginn rein funktionell, im Schütteln einer Rassel oder Schieben eines Autos verankert, entwickelt sie sich immer weiter über das symbolische, „So-tun-als-ob“-Spiel bis hin zum komplexen Rollenspiel, in dem sich die Kinder ihre eigene Spiel-Realität schaffen. Für die Sprachentwicklung stellt das Spiel eine wesentliche Basis dar. Im gemeinsamen Spiel bieten sich viele Möglichkeiten für sprachliches Angebot. Zusammenhänge und Abläufe werden verdeutlicht und das Kind hat die Chance, Erlebtes zu verarbeiten, verschiedene Perspektiven einzunehmen und die Welt, sowie auch die Menschen zu begreifen.

Weiterführende Literatur:

Haben Sie den Verdacht, dass Ihr Kind schlecht hört?

Unter der Rubrik „Kosten und Anlaufstellen“ finden Sie alle notwendigen Kontakte in Ihrer Nähe. Zusätzlich finden Sie in der Zeitleiste „Leben mit einer Hörminderung“ wichtige Anregungen für jede Lebensphase.