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Zeitleiste: Leben mit einer Hörbeeinträchtigung: Neugeborene2018-06-19T12:16:43+00:00

Leben mit einer Hörbeeinträchtigung: Neugeborene

Wichtige Informationen

Zeitleiste: Leben mit einer Hörbeeinträchtigung: Neugeborene

Das erste voll ausgeprägte Sinnesorgan

Das Ohr ist der erste voll ausgeprägte Sinn. Es ist ab der 25. Schwangerschaftswoche in seiner Funktion und in seiner Größe voll ausgeprägt, nur die Ohrmuschel (Außenohr) wächst bis zum Ende des Lebens weiter.

Höreindrücke in der Schwangerschaft prägen ein Kind und stellen die erste Bindung zur Mutter und zur sozialen Umwelt her.

Von 1.000 Neugeborenen haben etwa 1-3 Kinder eine Hörbeeinträchtigung. Ein Teil davon ist genetisch bedingt, meist durch eine entsprechende Erbanlage der Eltern. Aber auch Infektionen, übermäßiger Alkoholkonsum sowie Sauerstoffmangel während der Geburt können eine Hörbeeinträchtigung zur Folge haben. Die Ursachen sind nicht in allen Fällen feststellbar.

Bereits unmittelbar nach der Geburt kann eine sehr schnelle und schmerzfreie erste Untersuchung des Gehörs durchgeführt werden. Dieses Screening (Otoakustische Untersuchung) zeigt ab einem Hörverlust von 40% eine Auffälligkeit an.

In Deutschland ist daher ein Hörscreening beidseitig bis zum 6. Lebensmonat verpflichtend vorgeschrieben. In Österreich wird diese Untersuchung ebenfalls flächendeckend angeboten jedoch im Mutter-Kind-Pass nur empfohlen. Sie ist in Österreich nicht verpflichtend und wirkt sich nicht auf das Kindergeld aus.

In Österreich zeigt die Praxis aus diesem Grund immer wieder folgende Situation: Ein Screening wird nur einseitig durchgeführt mit unauffälligem Ergebnis, da bei diesem Ohr nur ein Hörverlust von 30% vorliegt. Das andere Ohr hat  einen hohen Hörverlust, wird aber nicht getestet. Diese Kinder werden  häufig erst bei Schuleintritt spät erkannt. Da sie sich auffällig entwickeln, werden andere Diagnosen wie ADHS oder Autismus gestellt. Das Hören wird dabei oft nicht mehr beachtet.

Der Zeitfaktor

Die Entwicklung des Gehörs hängt eng mit der Entwicklung der Hörbahn zusammen, das heißt mit den Strukturen des Gehirns, die die elektrischen Impulse des Innenohrs weiterverarbeiten bis zum bewussten Wahrnehmen eines Geräusches oder Klangs.

Bekommt die Hörbahn in den ersten Lebensmonaten und – jahren zu wenige Impulse wird das Hörzentrum im Gehirn zurück entwickelt!

Entscheidend sind dabei die ersten beiden Lebensjahre. Wird ein Kind, das von Hörverlust betroffen ist, in diesen Lebensjahren gut mit Hörhilfen versorgt, kann sich die Hörbahn normal entwickeln.

Zeit spielt daher bei der Versorgung eines Kindes eine entscheidende Rolle!

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass bei auffälligem Verhalten eines Kindes, also z.B. bei verzögerten Reaktionen auf akustische Reize, rasch gehandelt wird. Von größter Bedeutung ist dieses Faktum für den Erwerb von Sprache.

Förderung

Hörfrühförderung und Familienbegleitung

Wird bei einem Kind eine Hörschädigung diagnostiziert, so besteht die Möglichkeit, Hörfrühförderung (interdisziplinäre audiologische Frühförderung und Familienbegleitung) in Anspruch zu nehmen.

Die gezielte Beratung und Begleitung der Eltern sowie die Hör- und Sprachförderung des hörbeeinträchtigten Kindes bilden die Hauptaugenmerke der Hörfrühförder-Einheiten. Durch genaues Beobachten und gemeinsames Tun können die individuell angelegten Fähigkeiten des Kindes erkannt und das Förderangebot kann den kindlichen Entwicklungsschritten angepasst werden.

Regelmäßige Hörmessungen, logopädische, entwicklungsdiagnostische und ergotherapeutische Verlaufskontrollen sowie HNO-ärztliche Kontrollen und eine enge Zusammenarbeit mit den HörgeräteakustikerInnen sowie CI-TechnikerInnen bilden die Grundlage für die Hörfrühförderung.

Interdisziplinäre audiologische Frühförderung und Familienbegleitung findet einmal wöchentlich zu Hause oder bei Bedarf ambulant statt und ist für die Familien kostenlos. Die Verrechnung erfolgt über die zuständige Bezirkshauptmannschaft.

Gebärdensprache und Hörbeeinträchtigung

Die Gebärdensprache ist die „natürliche“ Sprache von hörbeeinträchtigten Kindern/Menschen, da sie mit Hilfe dieser Sprache unangestrengt kommunizieren.

Gebärdensprachen sind natürlich gewachsene Sprachen, wurden also nicht konstruiert. Daher gibt es in jedem Land eine eigene Gebärdensprache. In der Österreichischen Gebärdensprache gibt es zum Beispiel, wie in vielen anderen Gebärdensprachen auch, Idiolekte, Soziolekte und Dialekte. Durch die Verwendung der Gebärdensprache entwickelte sich eine reichhaltige Kultur, die unter anderem auch künstlerische Ausdrucksformen aufweist – die Gehörlosenkultur.

Die Gebärdensprache ist auch aus Sicht der Linguisten eine vollwertige Sprache mit einer eigenen Grammatik, die sich von der deutschen Laut- und Schriftsprache unterscheidet. Die Gebärdensprachforschung belegt, dass Gebärdensprachen alle neurologischen Funktionen aufweisen, die für eine gesunde menschliche Entwicklung notwendig sind.

Das Erlernen der Gebärdensprache behindert den Laut- und Schriftsprachenerwerb in keinster Weise. Studien belegen, dass das Aufwachsen mit der Gebärden- und Lautsprache (also bilingual) nur Vorteile bringt. Das Denken und der Spracherwerb verhalten sich in den Gebärdensprachen gleichermaßen wie in den Lautsprachen. Bilingualität (z.B. der Erwerb der deutschen Sprache und der Österreichischen Gebärdensprachen) bedeutet für hörbeeinträchtigte Menschen einen großen Gewinn egal, ob diese gesprochene Sprache mit Hörbehilfen wahrnehmen können oder nicht. Hörbeeinträchtigte Menschen können so in jeglicher Situation flexibel auf die ihnen nun „angenehmere Kommunikationsform“ zurückgreifen, um z.B. Vorträgen, Diskussionen etc. durch u.a. Dolmetscher_innen uneingeschränkt folgen zu können.

Es empfiehlt sich mit hörbeeinträchtigten Kindern von Geburt an zu gebärden, um ihnen sofort einen vollwertigen Sprachwerb zu ermöglichen, egal mit welchen anderen Hörbehelfen diese ausgestattet sind. Das tatsächliche Hörvermögen bzw. der Erfolg des Lautsprachenerwerbs lassen sich erst relativ spät erkennen. Oftmals zeigt sich erst in der Pubertät in wie weit die Hörbeeinträchtigung zur Barriere geworden ist. Hier ist die Möglichkeit die Sprache frei wählen, sich auch mit anderen hörbeeinträchtigten Menschen treffen, unangestrengt kommunizieren zu können in vieler Weise eine Erleichterung. Kinder sehen, dass es auch erwachsene Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung gibt und haben Vorbilder, die oft ein positives Lebensgefühl vermitteln. Kontakt mit der Gehörlosengemeinschaft zu haben u.a. auch in dem man die Gebärdensprache erlernt und beherrscht beugt vor, dass sich hörbeeinträchtigte Kinder und Erwachsene allein, unvollkommen („nicht so zu sein wie alle anderen/die Mehrheit“) und isoliert fühlen.

Die Gebärdensprache ist seit 2005 in Österreich gesetzlich anerkannt. Laut UN-Konvention ist die sprachliche Identität von Gebärdensprachbenutzer zu fördern und zu schützen.

Literatur

Empfohlene Untersuchungen und Kontrollen

Neugeborenen Hörscreening (Otoakustische Untersuchung)

Bei einem auffälligen Ergebnis des Screenings oder Auftreten von Schwerhörigkeit in der Familie wird eine weiterführende Hirnstammaudiometrie (BERA) durchgeführt. Sie ist ebenfalls schmerzfrei und wird im Schlaf, fallweise unter Narkose durchgeführt.

Das Screening kann im Krankenhaus, aber auch bei manchen niedergelassenen HNO-Fachärzten durchgeführt werden. Für die Hirnstammaudiometrie muss eine Klinik aufgesucht werden.

 

Drei wichtige Tips:

  • Suchen Sie mit einem hörbeeinträchtigten Kind einen Kinderakustiker (Pädakustiker) auf!

Um eine optimale technische Versorgung für ihr Kind zu gewährleisten, ist es wichtig, die Anpassung des Hörgeräts von einem speziell für Kinder ausgebildeten Pädakustiker (Kinderakustiker) vornehmen zu lassen.

Um die Zusatzqualifikation zum Kinderakustiker (Pädakustiker) absolvieren zu können, ist der Lehrabschluss der Hörgeräteakustik sowie der Meisterschulabschluss im gleichen Fachbereich notwendig. Da die Ausbildung zum Hörgeräteakustiker meist auf dem 2ten Bildungsweg erfolgt, und die gesamte Ausbildung mindestens 5. Jahre umfasst, beträgt das Lebensalter eines Kinderakustikers min. 23 Jahre. Neben der fachlichen Befähigung muss der Pädakustiker für die Ausübung dieser verantwortungsvollen Tätigkeit sehr viel Einfühlungsvermögen sowie einen souveränen und verantwortungsvollen Umgang im interdisziplinären Netzwerk besitzen. Zum

  • Schließen Sie für die Hörhilfe eine Versicherung ab!

Da Hörhilfen teuer sind, ist es ratsam, diese zusätzlich zu versichern, um z.B. bei häufigen Reparaturen oder bei Verlust finanziell abgesichert zu sein. Nähere Informationen dazu erhalten sie bei ihrem zuständigen Akustiker bzw. Techniker.

  • Suchen Sie um erhöhte Kinderbeihilfe an!

Aufgrund einer diagnostizierten Hörbeeinträchtigung des Kindes erhält die Familie eine erhöhte Kinderbeihilfe vom Staat (Ansuchen beim Finanzamt).